Algerische Gesellschaft in Deutschland e.V. - algid



 



Literatur des Schweigens

Die algerische Schriftstellerin Maïssa Bey liest beim Berliner Literaturfest aus ihrer Novelle »In allen Ehren«

Von Christine Belakhdar
Maïssa Bey, Jahrgang 1949, begann Mitte der 1990er Jahre zu schreiben. Ihr Bedürfnis, sich mitzuteilen, entsprang »einer Notwendigkeit, das Wort wie eine Fackel gegen die drohende Beschlagnahmung des öffentlichen Lebens« durch die Islamisten zu erheben, wie sie es in einem Interview mit der Zeitung El-Watan ausdrückte. In ihren in französischer Sprache verfaßten Novellen widmet sich die im algerischen Sidi Bel Abbès lebende Schriftstellerin den non-dits – den nicht gesagten Worten. Ein Novellenband, der demnächst in deutscher Übersetzung erscheint, trägt den Titel »Literatur des Schweigens«. Sie schreibt, weil sie mehr sein will als eine stumme, passive Zeugin im Angesicht einer Zeitgeschichte, deren Gewaltsamkeit all ihre Sinne herausfordert. So faßt sie in ihrem Roman »Pierre Sang Papier ou Cendre« (2008) 132 Jahre französischer Kolonialherrschaft in Algerien zusammen. Sie übernimmt den unschuldigen Blick eines Kindes, um den Leser zum Zeugen des grausamen, unaufhaltsamen »Zivilisierungsmarsches« von »Madame Lafrance« zu machen.

Dabei versteht sich Maïssa Bey nicht als politische Schriftstellerin, sondern als Beobachterin sozialer Geflechte und Mißstände. Im Mittelpunkt vieler ihrer Romane und Erzählungen stehen Frauen: an den Rand der Gesellschaft gedrängte, mißhandelte, zwangsverheiratete, verstoßene, vergewaltigte, nach Liebe und Anerkennung suchende. Einige fügen sich in ihr Schicksal, resignieren, gehen zugrunde; andere handeln, treten aus dem Schatten, entwickeln ungeahnte Kräfte. Maïssa Bey gibt all jenen Frauen eine Stimme, die angesichts einer gesetzlich verbrieften patriarchalen Ordnung schweigen müssen, denen die Islamisten, die in Algerien erneut an Terrain gewinnen, das Recht auf Selbstverwirklichung abzusprechen versuchen.

Maïssa Bey ist derzeit Gast des internationalen Literaturfestivals in Berlin und wird am heutigen Freitag in der Philipp-Schaeffer-Bibliothek aus ihrer Novelle »In allen Ehren« lesen. Darin erfahren wir vom Schmerz einer Frau, die ihren Ehemann mit einer Konkurrentin teilen muß. Noch heute erlaubt das Familienrecht in Algerien Männern, bis zu vier Frauen zu ehelichen. Die Ich-Erzählerin resigniert vor der gesetzlich legitimierten Übermacht. Sie muß sich in die Bigamie fügen, sich arrangieren, um nicht verstoßen zu werden. Ihre kleinen Freiräume nutzt sie, indem sie sich mit Hilfe einer List an ihrer Rivalin rächt.


  • Die Lesung mit Maïssa Bey am heutigen Freitag um 20 Uhr in der Philipp-Schaeffer-Bibliothek in Berlin-Mitte (Brunnenstr. 181, Tel. 030/901824411) wurde vom deutsch-algerischen Kulturverein YEDD e.V. (www.yedd.org) organisiert. Der Eintritt ist frei
  • Maïssa Beys Novellenband »Literatur des Schweigens« erscheint demnächst in deutscher Sprache im Verlag Donata Kinzelbach (www.kinzelbach-verlag.de)

 

Quelle: http://www.jungewelt.de/2009/09-18/002.php